Hôtel des Invalides, Quelle: Wikipedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tour_Eiffel_Les_Invalides.JPGErinnerungsmesse in der Cathédrale Saint-Louis-des-Invalides in Paris.

Franz Stock, der vielen Menschen in ihren letzten Stunden beigestanden hatte, starb am 24. Februar 1949 alleine und ohne die Krankensalbung empfangen zu haben. Da er Kriegsgefangener war, durfte die Nachricht von seinem Tod nicht offiziell bekanntgemacht werden. Rund 100 Personen, die telephonisch informiert worden waren, nahmen am 28. Februar an der Trauerfeier in der Kirche St.-Jaques du Haut-Pas teil; darunter der Apostolische Nuntius Roncalli, ein Vertreter des Kardinals Suhard, Edmont Michelet und Francisque Gay, Minister und ehemalige Widerstandskämpfer, und General Buisson, Direktor der Kriegsgefangenenbehörde. Seiner Schwester Franziska war keine Einreisegenehmigung zur Teilnahme erteilt worden. Und so folgten nur rund ein Dutzend Personen seiner Beisetzung auf dem Friedhof Thiais, einem „Gestrüppfeld„ (Loonbeek), einem Friedhof für deutsche Kriegsgefangene.

Dennoch wurde aber in der Folgezeit langsam das Schweigegebot durchbrochen.

Rückblick Gedenkgottesdienst 1949

Am 3. Juli 1949 endlich fand die erste öffentliche Feier zum Gedenken an Abbé Franz Stock in der Cathédrale Saint-Louis-des-Invalides in Paris statt.

Die symbolische Bedeutung dieser Kirche lässt sich an drei Merkmalen festmachen:
• Sie schließt sich an den Invalidendom an; ja, man kann von ihr direkt in diesen sehen.
• Napoléon hat in ihr am 15. Juli 1804 zum ersten Mal die Insignien des Ordens ‚Legion d`honneur’ verliehen.
• Sie ist die Bischofskirche der französischen Armee, die ein Bistum bildet.

An diesem 3. Juli 1949 feierten frühere Internierte und Mitglieder der französischen Widerstandsbewegung eine Messe in Gedenken an Franz Stock, an einen Deutschen, - und das war in der damaligen Zeit kein problemloses Unterfangen.

Ansprache Abbé Jean Pihan:

Abbé Jean Pihan, einst Gefangener von Fresnes, würdigte Abbé Stock in seiner Ansprache:

„Ich begrüße voll Hochachtung und Dankbarkeit den Herrn Generalgouverneur der Invalidenstiftung. Seinem Vertrauen und Wohlwollen ist es zu verdanken, daß diese erstaunliche Feier hier stattfinden kann. Es ist wirklich Grund zum Erstaunen: Heute feiert in diesem Heiligtum, das nicht eine Kirche wie alle anderen ist, an dieser erhabenen Stätte, die bestimmt ist, das Gedächtnis unserer spezifisch nationalen Ruhmestaten zu verewigen, ein Priester das heilige Opfer für einen deutschen Staatsbürger. Und ein weiterer Priester schickt sich an, das Gedächtnis eines Mannes zu feiern, der offiziell von einer feindlichen Nation beauftragt war, bei uns seine Aufgabe ausgerechnet zu der Zeit wahrzunehmen, als diese Nation unser Land besetzt hielt und bedrückte. Und dabei sind die hier Versammelten zum größten Teil französische Männer und Frauen, die unter der unmenschlichen Grausamkeit der Führer dieser Nation und ihrer Henkersknechte Entsetzliches an Leib und Seele gelitten haben.
Doch der Mann, den wir ehren, dieser deutsche Staatsbürger, war ein Priester Jesu Christi, der sein Priestertum in großartiger Weise begriffen hat. Ich habe gesagt, er war deutscher Staatsbürger. Aber zuallererst war er Bürger jenes universalen Gottesstaates, jener Internationale der Geister, die wir die Kirche Jesu Christi nennen.
Es ist einmal gesagt worden, daß es keinen Abgrund gibt, den Gottes Erbarmen nicht ausfüllt. Der Priester, dessen Gestalt heute vor uns steht, hat das vielleicht nicht wörtlich gesagt, aber er hat durch sein Leben und seinen Tod bewiesen, daß es keinen Abgrund gibt, den christliche Liebe nicht auszufüllen vermag. Sein im Dienst der Brüder bis zur Hergabe seiner letzten Kräfte aufgebrauchter Leib, der jetzt in Erwartung der Auferstehung von den Toten im Acker des Friedhofs von Thiais verwest, reicht ihm, um den größten Abgrund auszufüllen, der jemals zwei Völker voneinander geschieden hat.
Und wir alle, die wir in unserer Sorge um den Frieden, um Gerechtigkeit und Brüderlichkeit gelitten haben wie er - vielleicht sogar mehr oder auch weniger als er, was soll das schon bedeuten -, wir wollen ihm heute unseren Dank so laut zurufen, daß die kommenden Jahrhunderte uns noch hören, daß man später in einem befriedeten Europa, in einer endlich geeinten Welt es noch weiß, daß am Anfang ihres Friedens das schlichte Opfer eines Franz Stock steht, der ein Deutscher, ein Freund Frankreichs und Diener des universalen Christus gewesen ist.“

Abbé Pihan schilderte dann die einzelnen Lebensabschnitte Abbé Stocks und schloß danach:

„Franz, kleiner Bruder Franz, von der anderen Seite des Rheines, als Du zum ersten Male in meine Gefängniszelle tratest, trugst du Gottes Geist in Dir, um mir den Frieden zu bringen. Ich habe Dich umarmt und Dir gesagt: 'Du bist mein Bruder', und ich habe in dem deutschen Kerker die vollkommene Freude verkostet, eine Freude, die die Schergen der Gestapo uns nicht nehmen konnten. Ich will Deinen Friedenskuss wie beim 'Pax Domini' der heiligen Messe heute allen meinen Brüdern weitergeben. Und Ihr, meine Kameraden, meine Brüder, tragt ihn weiter in die ganze Welt, die des Todes ist, weil sie die Liebe nicht kennt. Wir haben alle teuer genug das Recht bezahlt, ihr nun diese Liebe zu offenbaren." (Lanz ,S.212 f.)

Gedenkgottesdienst 2019

Unseren französischen Freunden, den Amis de Franz Stock, ist es gelungen, dass zur Erinnerung an dieses bedeutende Ereignis am 3. Juli 2019, dem Fest des Apostels Thomas, in dieser Cathédrale Saint-Louis-des-Invalides eine Messe gelesen wurde. Ihr stand Mgr. Dubost, ein ehemaliger Bischof der Armee, vor zusammen mit zwei Geistlichen aus Deutschland, Pfr. Stephan Jung, dem Vorsitzenden des Franz-Stock-Komitees, und Pfr. i. R. Wilfried Göddeke. Dazu kamen der ‚Recteur de la Cathédrale des Chartres’ und der Pfarrer von Saint-Jaques du Haut-Pas.

Stéphane Chmelewsky, der Präsident der Amis de Franz Stock, bedankte sich in seiner Ansprache bei der Diözese der Armee, dem Gouverneur militäire de Paris und dem Gouverneur des Invalides, die anwesend waren, dafür dass sie es ermöglicht hatten, diese Feier in diesem Rahmen durchzuführen.

Er begrüßte dann den Gesandten an der Deutschen Botschaft Paris, Vertretern des Außenministeriums, des Armeeministeriums, des Bürgermeisters von Chartres, der „Anciens Combattants“, der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa, der Gefährten des hl. Franziskus, des Institut Marc Sagnier, des Internationalen katholischen Hilfswerk Kirche in Not und der Gedenkstätte des Mont-Valérien. Aus Deutschland nahmen Mitglieder des Franz-Stock-Komitees, der Regierungspräsident der Bezirksregierung Arnsberg, Hans-Josef Vogel, und der Bürgermeister der Stadt Arnsberg, Ralf Paul Bittner, teil.

Fotos (Quelle: Godard)

Predigt Bischof Dubost

Bischof Michel Dubost nahm in seiner Predigt Bezug auf das Tagesevangelium vom Fest des hl. Apostels Thomas. Der Gruß des Auferstandenen an die verängstigten Jünger lautet:

„Der Friede sei mit euch!“ Das ist auch die Botschaft von Franz Stock: Frieden.

Auf seinen Stationen als Priester und Bischof ist Michel Dubost Franz Stock immer wieder begegnet. Bierville – der Ort des großen Jugendtreffens unter dem Motto „Frieden durch die Jugend“ 1926 liegt in seinem ehemaligen Bistum Evry (dort, wo jetzt Michel Pansard sein Nachfolger ist). Er hat Pilgerwege mit Jugendlichen und Studenten nach Chartres unternommen. Als Pfarrer von St. Jacques du Haut Pas hat er in der Kirche gewirkt, wo das Requiem für Abbé Franz Stock gefeiert wurde.
Wir können Franz Stock heute nicht einfach kopieren – so der Bischof – weil unsere Zeit und ihre Herausforderungen sich anders darstellen. Er nennt den Einsatz Jugendlicher für die Bewahrung der Schöpfung, die Völkerverständigung in Zeiten der Globalisierung, das Zugehen als Christen auf alle Menschen, vor allem den Bruder und die Schwester in Not. Wir begegnen Christus, indem wir wie Thomas im Evangelium seine Wunden berühren und nicht über die Schmerzen und die Not der Menschen hinwegsehen. Eine der größten Nöte sind für den Bischof heute Einsamkeit und Isolation. Franz Stock hat in seiner Menschlichkeit über Grenzen hinweg gezeigt, dass Christus für alle Menschen gekommen ist.

Eine würdige, eindrucksvolle Messfeier.

Thomas Bertram

Literatur:
Dieter Lanz, Abbé Franz Stock: Kein Name – ein Programm, Paderborn 2 2001
Raymond Loonbeek, Franz Stock Menschlichkeit über Grenzen hinweg, Sankt Ottilien 2015

Texte:

Presseberichte: